Caribou, Berghain
30.04.2010
Eigentlich ein unerhörtes Ding, dass nur Fotos oder Bilder die Ehre haben eingerahmt zu werden, um ein Stück Vergangenheit für das Auge festzuhalten. Wäre es irgendwie möglich, dann müsste der letzte Abstecher von Caribou auf die Berliner Bühnen ebenso gewürdigt und mindestens in einem goldenen Rahmen zur Schau getragen werden. Das ausverkaufte Berghain zuckte am 28. April nicht nur was die lichttechnischen Spielereien anging, sondern war auch randvoll mit zuckenden Körpern gefüllt, die mitten in der Woche alles von sich abzuschütteln versuchten, ausgenommen der Vorfreude auf die kommenden 65 Minuten, in denen Daniel Snaith samt seinen drei engagierten Kollegen auf der Bühne für grenzenloses Vergnügen sorgen sollte.
Wurden die Ohren der Zuschauer bereits im Vorprogramm von Gold Panda aufgewärmt und die tanzenden Schuhsohlen machten ihre erste zögerliche Bekanntschaft mit dem Fußboden, so war dies alles jedoch nur ein kleiner Vorgeschmack auf das schillernde und bisweilen ekstatische Set von Caribou, in dem das Publikum frenetisch die Songs in sich aufsog und hingerissen dicht an dicht den knappem Raum mit seinem Bewegungsdrang nicht nur ausfüllte, sondern berauscht zum Leben erweckte. Auch auf der Bühne wollte man den Abend möglichst zwanglos bestreiten, das heißt die unnützen Treter genossen bei der Hälfte der Band eine Auszeit und Daniel Snaith zog es vor auf strahlend weißen Socken entspannt zu den Instrumenten zu greifen. Das Set Up auf der Bühne sorgte derweil dafür, dass die Band einander zugewandt und von zwei Drum Kits eingekesselt bei Bedarf auf bestem Wege durch Augenkontakt miteinander kommunizieren konnte. Die Kommunikation mit dem Publikum beschränkte sich auf ein paar wenige Worte, aber umso intensivere Minuten voll passionierter Musik, die selbstredend völlig genug sagte und durch ihr impulsives und euphorisches Wesen einen bleibenden Eindruck hinterließ.
Die Stimmigkeit des Sets machte es dem Publikum einfach sich gehen zu lassen und sich den damit verbundenen, kontinuierlichen sowie klanglichen Explosionen hinzugeben. Auch, wenn Caribous letztes Album "Swim" erst vor kurzer Zeit das Licht der Welt erblickte, verriet die von Begeisterung trunkene Stimmung gerade bei neuen Songs wie "Odessa" oder "Sun" ein ungeahntes, aber hochverdientes Maß an Zuspruch, welches selbst Stücke wie "Melody Day" fast in den Schatten stellte. Dabei kann von Schatten eigentlich kaum die Rede sein, wenn Caribou sich durch sein beachtliches Repertoire spielt. Die Intensität der Musik findet ihren Ruhepol in der Ausstrahlung der Band, die bei jedem Ton genau zu wissen scheint, was sie tut und als imposante Einheit auftritt, in der selbst die größten musikalischen Anstrengungen eines schweißtreibenden Auftritts zu einem großen glückseligen Moment verschwimmen. Die Präzision, die spielerisch an den Tag gelegt wurde, übertrug sich auf direktem Weg auf das Publikum, das im Berghain zum Teil die Musik nicht nur auditiv, sondern auch physisch zu spüren bekam, da die außerordentliche Lautstärke die inneren Organe mit ihren Schallwellen gleich mit in Bewegung zu versetzen schien. Eine hoffentlich ebenso fabelhafte Fortsetzung wird man dann im September beim Berlin Festival bestaunen können, wo Caribou schon jetzt der Status als ein absolutes "Must See" zukommt.
Artikel: Annett Bonkowski
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