Erik Penny
08.04.2010
Das Reisen scheint stets ein treuer Begleiter der Musikerseele zu sein und schickt diese unaufhörlich von einem Ort zum anderen bis das rastlose Gemüt sich niederlassen möchte. Im Fall von Erik Penny bedurfte es dazu einer weiten Reise, nämlich von Los Angeles nach Berlin. Nun hat der amerikanische Singer-Songwriter in der Hauptstadt seine Zelte aufgeschlagen und mit vielen fleißigen Händen sein neues Album "Bend" aufgenommen. Aus diesem Anlass haben wir uns bei seinem Record Release Konzert im Berliner Privatclub für ein Gespräch mit ihm zusammengesetzt und ihn kurz vor dem Startschuss seiner Tour um ein paar Antworten gebeten.
Heute Abend findet die Record Release Show zu deinem neuen Album statt. Ist das ein Moment, an dem du auf alles zurückblickst, was du bis zu diesem Zeitpunkt gemacht hast oder schaust du bereits in die Zukunft auf alles, was jetzt noch kommen mag?
Es ist ein bisschen von beidem. Heute war ich damit beschäftigt alles für das Konzert vorzubereiten. Im Prinzip wie bei jeder normalen Show. Da blieb nicht viel Zeit, um sich viele Gedanken zu machen, weil man so sehr in diesem bestimmten Augenblick steckt. Jedoch jetzt, wo ich hier sitze und weiß, dass die Show bald losgeht, fängt ein Teil meines Gehirns an über den Aufnahmeprozess des Albums nachzudenken und was für eine gute Zeit das war. Ich denke auch über die Zusammenarbeit des Teams nach, denn wir haben sowohl bei den Aufnahmen als auch bei der Promotion mit Freunden zusammengearbeitet. Es war also nicht so, dass ich bis zur Veröffentlichung der Platte herumgesessen hätte. Seit die Aufnahmen vor rund vier Monaten abgeschlossen wurden, war ich ständig beschäftigt. Ich weiß nicht, ob das deine Frage beantwortet, aber an diesem Punkt befindet sich mein kopf gerade (lacht).
Sind dir bestimmte Erinnerungen im Gedächtnis geblieben, wenn du an die Aufnahmen zu "Bend" oder den Schreibprozess der Songs denkst?
Der Prozess des Schreibens hat sich auf einen längeren Zeitraum von ungefähr eineinhalb Jahren erstreckt. Den ersten Song für das Album habe ich innerhalb der ersten zwei Wochen nach meinem Umzug nach Deutschland geschrieben, den letzten im Oktober 2009. Momentan fühlt sich alles noch recht frisch an, wenn ich an die Zeit des Schreibens zurück denke, weil das ungefähr achtzehn Monate meines Lebens eingenommen hat. Ich glaube, es muss noch etwas mehr Zeit vergehen bis ich das Erlebte mit etwas Abstand betrachten kann. Wenn ich mir die Setlist für heute Abend so ansehe, dann sehe ich darauf sehr viele neue Songs, die in Berlin entstanden sind, aber auch ein paar ältere Songs von meinem bisherigen vier Platten, die mich an meine zeit in Los Angeles erinnern. Es ist so, als ob ich mit einem Fuß und einer Band in Berlin und mit dem anderen in Los Angeles stehen würde. Ein kleiner Teil von mir wird immer in der Vergangenheit sein. Schon allein deshalb, weil ich seit so langer Zeit Musik mache und darauf zurückblicken kann. Ich versuche aber diesen Teil mit der Gegenwart zu verknüpfen.
Neben all den Gedanken, die dir gerade durch den Kopf gehen, ist es für dich auch ein Moment der Erleichterung, dass das neue Album nun fertig und die Veröffentlichung so nah ist?
Ja, es ist ganz sicher auch ein Moment der Erleichterung. In einer Stunde werde ich auf der Bühne stehen, daher mache ich mir gerade viele Gedanken um den Auftritt und die Songs, die wir spielen werden. Trotzdem wird sich spätestens nach dem Konzert das Gefühl von Erleichterung einstellen, wenn das Publikum das Album das erste Mal als CD wirklich mit nach Hause nehmen kann. Das Album ist ja schon ein paar Monate fertig und mir natürlich auf eine gewisse Art und Weise sehr vertraut, aber durch den Anlass heute Abend fühlt es sich gleichzeitig wieder sehr neu und aufregend an.
Es gibt Künstler, die sich nach einem Album sofort wieder in die Arbeit für den Nachfolger stürzen. Gehörst du auch dazu und machst dir bereits Gedanken um das nächste Album oder gehst du den Weg lieber Schritt für Schritt?
Ich versuche das so gut es geht zu balancieren, da ich tendenziell dazu neige mich sofort wieder etwas Neuem zuzuwenden und mich an die Arbeit für neue Songs zu machen. Die Realität sieht aber so aus, dass hinter einer Veröffentlichung auch ein geschäftlicher Prozess steht. An diesem sind viele Menschen beteiligt, die dir helfend zur Seite stehen und wenn man darin involviert ist, dann bringt es einen dazu sich mental viel damit zu beschäftigen. Ich kann mich also gar nicht so weit davon weg bewegen, weil man sehr viel Arbeit in die ganze Sache hinein steckt, um dem aktuellen Album die bestmöglichen Chancen einzuräumen. Trotzdem arbeite ich ununterbrochen an neuen Songs und habe seit der Fertigstellung von "Bend" ungefähr zehn bis zwölf neue Songs geschrieben. Die würde ich am liebsten so schnell wie möglich aufnehmen, aber da werde ich mich noch etwas gedulden müssen bis ich die Zeit dazu finde. Mein Kopf dreht sich also schon etwas um die nächste Platte und um die, die in fünf Jahren erscheinen wird! Wer weiß, wo ich mich musikalisch hinbewegen werde und was in ein paar Jahren so alles passieren wird. Es ist aufregend sich vorzustellen, was noch so alles geschehen kann.
Bei den Aufnahmen von "Bend" war eine Vielzahl von verschiedenen Leuten involviert. Ist es unbedingt hilfreich, wenn so viele Menschen an einer Sache mitwirken und ist das Ergebnis so geworden wie du es dir vorgestellt hast?
Das Schöne an den Aufnahmen war, dass ich mir von Beginn an keine besonderen Erwartungen oder Ziele gesteckt habe, was das Ergebnis angeht. Eben weil so viele Leute daran mitgearbeitet und ihre Zeit dafür geopfert haben. Simon (Fronzek) hat dabei das Zeitfenster sehr weit offen gehalten und es mir ermöglicht bei ihm aufzunehmen, was sehr hilfreich war. Wir haben keinen besonderen Deal dafür abgeschlossen. Es war so, dass er gerne meine Musik aufnehmen wollte, also bot er mir sein Studio an und hat die finanzielle Frage erst einmal einfach beiseite geschoben. Ich bin ihm wirklich sehr dankbar dafür, dass er uns einen Ort zur Verfügung gestellt hat, an dem wir die Platte aufnehmen konnten. Es war eine neue Erfahrung für mich mit ihm aufzunehmen, weil ich bei meinen früheren Alben immer auch gleichzeitig Produzent war und wir uns diese Aufgabe dieses Mal geteilt haben. Dadurch klingt das Album natürlich auch anders. Mit vielen anderen Leuten war es ähnlich, die an den Aufnahmen beteiligt waren. Sebastian Madsen zum Beispiel hatte ich einmal abends für nicht mehr als zehn Minuten kennen gelernt und er stellte sich mir gleich als mein neuer Drummer vor, weil er gerne mit mir aufnehmen wollte. Es vergingen dann ungefähr fünf oder sechs Monate bis ich ihn das nächste Mal sah und da spazierte er durch die Studiotür, um wirklich die Drums aufzunehmen (lacht). Er hatte vorher nur ein paar der Songs gehört, mochte sie und hat sich sofort dafür bereit erklärt dabei zu sein. Er hat brilliante Arbeit geleistet! Viele Musiker, die an den Aufnahmen beteiligt waren, haben in allererster Linie gefallen an der Musik gehabt und daraufhin ihre Hilfe angeboten, was wirklich großartig war und "Bend" zu dem gemacht hat, was es ist. Das ist etwas ganz Besonderes, weil eben nicht nur eine Person die Fäden in der Hand hatte, sondern viele unterschiedliche Persönlichkeiten involviert waren und mit ihren Ideen einen wichtigen Beitrag geleistet haben.
Versuchst du dich vor Aufnahmen immer von jeglichen Erwartungshaltungen freizumachen und arbeitest auf diese Weise am effektivsten?
Das war bisher eigentlich nicht der Fall. Wenn ich an meine bisherigen Alben zurück denke, die in Los Angeles entstanden sind, dann hatte ich meistens vorher ein Konzept, das ich umsetzen wollte oder zumindest eine ungefähre Vorstellung davon, wie sich das fertige Resultat letztendlich anhören sollte. "Bend" ist im Vergleich dazu anders entstanden. Es ist eher ein Produkt von vielen glücklichen Zufällen und spontanen Eingebungen, die sich zudem in einer für mich neuen Stadt, Berlin, zugetragen haben. Genau aus diesem Grund hatte ich keine wirkliche Vorstellung davon, wohin mich der Weg mit "Bend" führen würde. Bei meinen früheren Alben saß ich zu Hause in Los Angeles, habe Songs geschrieben, sie unmittelbar aufgenommen und am Ende war ein Album fertig. Es ist schon ein großer Unterschied, ob du alleine an etwas arbeitest oder wie bei "Bend" eine Vielzahl von Menschen mitwirkt. Dieses Mal war es ein viel größeres soziales Ereignis als vorher.
Musikalisch gesehen, was ist der größte künstlerische Fortschritt seit der Veröffentlichung deiner ersten EP?
Oh wow, seit der ersten EP...(Pause). Der größte künstlerische Fortschritt...
Kann man so eine Entwicklung überhaupt benennen oder geschieht sie ganz natürlich?
Es ist gar nicht so einfach das in Worte zu fassen. Jedes Mal, wenn ich eine EP oder ein Album aufnehme, versuche ich mich als Künstler so weit wie nur möglich vorzuwagen und das am besten in die unterschiedlichsten Richtungen. Ich denke, dass ich über die Jahre hinweg als Songwriter gewachsen und beständiger geworden bin. Eine Sache, auf die ich ehrlich mein Hauptaugenmerk lege, ist, dass ich ein besserer Songwriter werde. Mit "Bend" habe ich das Gefühl, dass auf dem Album mehr Songs sind, die ich zu meinen besten Arbeiten zählen kann als das bei anderen Alben der Fall war. Da hast du es, ich habe die Frage doch beantworten können (lacht)! Es stimmt aber, ich habe nur noch nicht in dem Maße darüber nachgedacht bis du mich gefragt hast.
Du bist in New York geboren, in Texas aufgewachsen, hast in Los Angeles gelebt und wohnst nun in Berlin. Man sagt immer so schön "Home is where the heart is". Für welchen Fleck auf der Erde schlägt denn dein Herz?
Das ist ganz einfach zu beantworten, denn für mich schlägt mein Herz immer für den Ort, an dem ich mit meiner Frau zusammen lebe. So lange ich mit ihr zusammen bin, fühle ich mich an jedem Ort kreativ gesehen sehr frei und muss keiner Gegend nostalgisch nachtrauern, in der ich vielleicht einmal eine gewisse Zeit verbracht habe. Wo auch immer wir als Team zusammen wohnen, fühle ich mich sehr aufgehoben. Momentan fühle ich mich in Berlin zu Hause und das wird auch zukünftig so sein, weil wir hier sehr glücklich sind. Wir fangen gerade erst an uns hier heimisch zu fühlen, aber ich habe jetzt schon den Eindruck, dass dieses Gefühl eine ganze Weile andauern könnte.
Haben dich denn all die verschiedenen Orte, an denen du gelebt hast, als Künstler besonders geformt und beeinflusst?
Ja, das haben sie ganz bestimmt. Der Umzug von New York nach Texas hat natürlich meinen Weg zum Erwachsen werden beeinflusst. Anfang zwanzig habe ich dann meine Frau Meike kennen gelernt und von da an verlief unsere Reise Hand in Hand. Dabei waren die Schritte von Texas nach Los Angeles und von dort wiederum nach Berlin und die damit verbundenen Veränderungen sehr tief greifend und teilweise auch anstrengend. Genau diese Erfahrungen verarbeite ich nun in meinen Songs, auch wenn nicht unbedingt alles in den Songs auf persönliche Erlebnisse zurückzuführen ist. (Eriks Handy klingelt) Oh, das ist bestimmt meine Mutter (lacht). Ich hätte das Telefon wirklich ausschalten sollen, das tut mir leid. Nein, da kann ich jetzt nicht rangehen. Wo waren wir? Ach ja, das Umherreisen und das Kennen lernen von verschiedenen Orten, an denen ich gelebt habe, ist wohl in der Tat die größte Inspiration für mich gewesen. Daher bringt deine Frage das sehr gut auf den Punkt. Eben genau weil ich öfters umgezogen bin, schreibe ich über all die Dinge, die man in meinen Songs findet. Hätte ich mein Leben lang an nur einem Ort gelebt, dann würde ich sehr wahrscheinlich über völlig andere Dinge schreiben und die Charaktere in meinen Liedern würden ebenfalls anders aussehen.
Was denkst du, schreibt das Leben die besten Geschichten?
Ich glaube schon. Ich nehme oft Geschichten und Erfahrungen, die ich im wahren Leben mache und bearbeite diese so, dass ihr Charakter im Vergleich zur Ausgangssituation literarischer wirkt, aber sie basieren dennoch alle auf Beobachtungen und Erfahrungen, die ich im realen Leben gemacht habe. Das Leben und die Personen, die du im täglichen Leben triffst, sind so interessant, dass ich mir gar keine interessanteren Charaktere ausdenken könnte.
Hast du seit deinem Umzug nach Deutschland eine neue Seite an dir kennen gelernt?
Ja, das habe ich, aber ich kann nicht näher darauf eingehen, weil es sehr persönlich ist. Ich kann aber sagen, dass die letzten eineinhalb Jahre in Deutschland eine sehr tiefgründige Erfahrung für mich waren und ich daran arbeite die Person zu werden, die ich sein möchte. Das wird voraussichtlich noch ein paar Jahrzehnte dauern (lacht), aber der Umzug hierher war bereits ein großer Schritt, der mir geholfen hat einige persönliche Dinge an mir zu verändern, die ich schon lange angehen wollte.
Berlin ist eine sehr multikulturelle Stadt. Was für Erfahrungen hast du als Künstler aus Übersee hier gemacht? Hat man da automatisch einen Bonus oder war vielleicht genau das Gegenteil der Fall?
Ja, um mal ganz offen und ehrlich zu sein, ich glaube schon, dass ich als Künstler aus Los Angeles hierzulande einen wirklich großen Vorteil habe. Das bedeutet nicht, dass alles einfach für mich ist - das ist ganz und gar nicht der Fall, aber die ersten Kontakte zu anderen Künstlern oder auch zu Clubs gestalteten sich nicht so schwierig wie zunächst erwartet. Es liegt anscheinend etwas Ungewöhnliches in der Luft, wenn man als Singer-Songwriter von Los Angeles nach Berlin zieht. Es ist ja nicht so, als ob es hier Tausende davon geben würde. Natürlich versuche ich dadurch jede Chance zu nutzen, die sich bietet, denn wenn wir ehrlich sind, ist es für kaum jemanden einfach im Musikbusiness Fuß zu fassen. Wenn du davon leben willst, solltest du das auch tun, um dich beruflich zu entwickeln. Das bedeutet natürlich nicht, dass du anfangen solltest Dinge zu erfinden, nur um dich weiter nach vorne zu bringen oder vielleicht sogar skrupellose Mittel anzuwenden. Wenn es jedoch wirkliche Möglichkeiten sind, solltest du sie nutzen. In Deutschland passiert es ab und an das sich Leute fragen, warum jemand aus Los Angeles freiwillig nach Berlin gezogen ist, um hier Musik zu machen. "Warum? Los Angeles hat doch eine sehr ausgeprägte Musikszene!" Der Punkt ist aber, dass es gerade deshalb in Los Angeles so schwierig ist, eben weil jeder zweite Musik macht. Hier in Berlin sind es vergleichsweise nicht so viele Leute. Ich kann den ganzen Tag Musik schreiben und daran arbeiten, denn es ist mein Beruf. Ich mache nichts anderes nebenbei. Diese Tatsache erfordert viel Hingabe und Einsatz, aber zahlt sich meines Erachtens am Ende aus.
Ich habe den Eindruck, dass es in Berlin geradezu ein Netzwerk an Künstlern gibt, das sehr eng miteinander verwoben ist. Ist das in Los Angeles auch der Fall oder gibt es da Unterschiede?
Ich denke, dass das Netzwerk an Künstlern und Kollaborationen in Berlin auf einer natürlicheren Basis funktioniert als das in Los Angeles der Fall ist. Vielleicht hat das auch etwas mit der großen Vielfalt an unterschiedlichen Musikstilen hierzulande zu tun. In Los Angeles dreht sich alles viel mehr um das Geschäft mit der Musik an sich und daraus resultiert oft ein großer Konkurrenzkampf untereinander. Es kommt nicht so oft vor, dass du einfach nur so mit anderen Musikern zusammenkommst und Musik machst. In Berlin hingegen triffst du dich mit interessanten Leuten und machst zusammen Musik, weil es dir Spaß macht und es dreht sich nicht sofort alles um Geld, wenn du bei anderen Projekten mitwirkst. Die Ausgangssituation ist oftmals eine völlig andere, was mir sehr gefällt. Dadurch ergeben sich oft viele interessante Gelegenheiten für Musiker untereinander. Du wirkst zum Beispiel an einem Album mit, jemand hört dich und vermittelt dir einen Auftritt und so weiter. Alles nimmt viel natürlicher seinen Lauf, als wenn es nur um das Geschäft selbst geht. Berlin scheint da im Vergleich zu Los Angeles sehr viel auf dieser Ebene zu arbeiten, wo es mitunter auch so zugehen kann, aber dieses miteinander viel tiefer in einer Szene vergraben liegt und es vor allem viel länger dauert, um dahin zu gelangen. In Berlin muss man dagegen nicht lange danach suchen.
Auch in der Londoner Musikszene scheint man eher die Ellenbogen auszufahren, um sich Gehör zu verschaffen, weswegen viele englische Bands sich besonders in Berlin so wohl fühlen, weil das hier nicht so stark der Fall ist.
Ja, das kann ich mir gut vorstellen. Die Clubszene in Los Angeles ist auch ziemlich hart, was das angeht. Genau aus diesem Grund steckt diese Ellenbogen-Mentalität in den Köpfen von so vielen Leuten und kaum jemand erklärt sich dazu bereit dir einfach nur aus Liebe zur Musik heraus zu helfen. Berlin ist da wirklich anders.
Viele Künstler setzen immer noch auf Myspace, um ihre Musik publik zu machen. Du scheinst aber zusätzlich dazu auch oft den direkten Kontakt zu Menschen zu suchen, in dem du zum Beispiel einfach so in der U-Bahn ein Konzert gibst. Hast du schon immer diesen Weg verfolgt?
Ja, in gewisser Weise schon. Ich habe immer Freude daran gehabt mit Leuten zu kommunizieren. Das war schon immer ein großer Teil von meinem Dasein als Musiker und dieses Bewusstsein ist sogar noch gewachsen seit ich nach Berlin gezogen bin. Allein aus dem Grund, weil ich mich als Künstler stückweise neu erfunden habe und weil Berlin mir die Möglichkeiten dazu gegeben hat. Ich konnte einfach in die U-Bahn springen und ein Konzert geben oder auf der Admiralsbrücke ein Video drehen. Es war ganz einfach. In Los Angeles wäre so etwas nur bedingt möglich. Die Leute machen hier mitten am Tag ein Barbecue auf der Brücke, das habe ich noch nirgendwo anders gesehen.
In Florenz! Da werden Brücken auch gerne zum Grillen und Musik machen genutzt.
Siehst du, es gibt also noch andere Orte, an denen so etwas passiert, aber in Los Angeles ist das eher ungewöhnlich. Das hat bestimmt etwas mit Europa zu tun, dass Menschen hier auf solche Ideen kommen. Genau aus diesem Grund bin ich nach Europa gezogen (lacht)! Jedenfalls bin ich sehr gerne mit Menschen zusammen. Die Energie, die dabei entsteht, wenn du vielleicht auch noch Musik machst, ist einmalig. Ich liebe es in Clubs zu spielen, aber ich liebe es genauso Wohnzimmerkonzerte zu veranstalten. Die Leute sitzen direkt vor dir, es ist kein Mikrofon dazwischen und ihre Energie verschmilzt mit deiner. Das ist toll und ein großartiges Gefühl.
Du hast gerade die Wohnzimmerkonzerte bei dir zu Hause angesprochen, die so genannten "Sofa Sessions". Wer kam denn auf die Idee so etwas zu veranstalten?
Als ich und Meike noch in Los Angeles waren, gab es in San Francisco dieses Paar, das bei sich zu Hause regelmäßig solche Wohnzimmerkonzerte veranstaltet hat. Viele Musiker, die wir kannten, spielten dort, wenn sie gerade auf Tour waren. Wir fanden diese Idee faszinierend, aber hatten selbst nicht sehr viel Platz bei uns, um etwas Ähnliches zu machen. Nun, da wir in Berlin wohnen, haben wir den Platz, um ungefähr dreißig Leute einzuladen. Wir haben einen Holzboden und eine schöne hohe Decke, die uns solche Konzerte ermöglichen. Meike kam auf die Idee mit dem Namen "Sofa Sessions" und schon drei Wochen nach unserem Einzug in unsere Wohnung in Berlin haben wir damit angefangen. Wir haben also keine Zeit verschwendet! (lacht)
Wie fühlt es sich für dich an in deinem eigenen Wohnzimmer vor Leuten zu spielen?
Es fühlt sich wirklich großartig an! Ich fühle mich so wohl und natürlich wie zu Hause. Das ist brilliant, weil ich ja in der Tat zu Hause bin. Wir haben wirklich Glück, weil unser Wohnzimmer so einen guten Klang hat, wenn man darin Musik macht. Das liegt daran, dass es mehrere Winkel gibt, die Decke so hoch und der Boden aus Holz ist. Sobald Leute auf dem Boden sitzen, bekommst du genau den nötigen Hall, den du brauchst, damit der Klang warm wirkt. Ich habe ein paar der Sofa Sessions aufgenommen und es hört sich wirklich toll an. Es fühlt sich gut an in einem Raum zu spielen, der in gewisser Weise zu dir zurück singt und dir so ein gutes Gefühl vermittelt.
Was sagen denn eigentlich deine Nachbarn dazu? Ich nehme an, du spielst nicht mit einer kompletten Band im Rücken, oder?
Doch, zumindest das letzte Mal haben wir als komplette Band gespielt. Natürlich immer noch ohne Mikrophone. Wir haben aber Glück mit unseren Nachbarn, weil wir in der ersten Etage wohnen und es unter uns so eine Art Kulturverein gibt, der manchmal selbst Partys und Livemusik veranstaltet. Wir haben also einen Deal miteinander abgeschlossen. Sie hatten daher keinerlei Grund sich zu beschweren, wenn es bei uns mal etwas lauter zuging und wir haben uns nicht beschwert, wenn es unter uns etwas lauter wurde. Es war alles noch im Rahmen. Über uns wohnt aber ein Typ, der sich im Sommer beschwert, wenn ich auf dem Balkon ein Barbecue mache, aber über die Musik hat er noch nie ein Wort verloren. Die Sofa Sessions selbst sind ja auch gar nicht so laut, was die Musik angeht. Der Applaus des Publikums ist da wahrscheinlich viel lauter. Um 22 Uhr ist meistens eh alles vorbei.
Suchst du nur in der Musik Zuflucht oder gibt es noch andere Dinge?
Es gibt auch noch etwas Anderes, denn ich bin neben der Musik auch noch bildender Künstler. Ich habe an der Uni Malerei studiert, aber ich habe seit sechs oder sieben Jahren den Fokus auf die Musik gelegt. Man kann sich sowieso nur eine bestimmte Zeit lang auf das Eine oder das Andere konzentrieren und nicht Beides gleichzeitig mit Vollgas verfolgen. Ich freue mich aber schon sehr darauf, wenn ich mich wieder etwas mehr der Malerei widmen kann. Wenn man Musik mit ganzem Herzen verfolgt, dann bleibt für andere Dinge außerhalb dessen nur ein begrenztes Zeitfenster, weil man ständig auf Tour ist. Wenn man etwas älter wird, dann möchte man nicht andauernd auf Tour sein oder auf der Bühne stehen und wenn es mir die Zeit erlaubt und sie reif dafür ist, dann werde ich auch wieder mehr Zuflucht in der Malerei suchen, da bin ich mir sicher.
Gab es jemals den Moment, an dem du vielleicht darüber nachgedacht hast dich mehr auf die Malerei anstatt auf die Musik zu konzentrieren?
Ja, den gab es tatsächlich und zwar, als ich auf dem College war. Ich habe mein Studium dort nicht beendet, obwohl ich dreieinhalb Jahre studiert habe und ungefähr ein halbes Jahr vor dem Abschluss stand. Ich war also fast am Ziel. In dieser Zeit habe ich mich viel mit der Ölmalerei beschäftigt und bin immer mehr in diese Kunstform eingetaucht, was großartig war. Zur selben Zeit hat die Band, in der ich war, einen Plattenvertrag bekommen und ich habe mir ein Semester Pause gegönnt, um auf Tour zu gehen. Darauf folgte eine weitere Tour, zwei Jahre vergingen und ich bin schließlich nicht wieder zur Uni zurück, sondern nach Los Angeles gezogen. Während meines Studiums stand die Malerei trotz meiner Leidenschaft für die Musik im Vordergrund und ich habe mich ernsthaft mit ihr auseinandergesetzt, aber es hat sich einfach so ergeben, dass die Musik mir schließlich mehr Möglichkeiten geboten hat mich zu verwirklichen.
Hast du deine Ölmalereien auch mal im Rahmen einer Ausstellung zur Schau gestellt oder machst du das nur privat für dich?
Hier habe ich das noch nicht gemacht, aber in Los Angeles habe ich an ein paar Gruppenausstellungen teilgenommen, jedoch niemals solo. Seitdem habe ich aber nichts in dieser Richtung gemacht.
Kam die Verbindung von bildender Kunst und Musik für dich jemals in Frage?
Doch, darüber habe ich, wenn ich ehrlich bin, schon nachgedacht. Um 2000/2002 herum habe ich viel gemalt, Musik gemacht und angefangen zu produzieren. In diesem Zeitraum stand ich kurz davor ein Projekt zu beenden, bei dem ich sechs oder acht Ölgemälde in einer Galerie ausgestellt hätte. Bei jedem davon hätte es ein Kopfhörerpaar gegeben, durch das man von mir komponierte Musik passend zu den Bildern hätte hören können. Die Idee etwas in dieser Richtung zu machen, war also schon zu diesem Zeitpunkt vorhanden.
Interview: Annett Bonkowski
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